Es war ein bedeutender Schritt für die deutsche Schifffahrtsgeschichte, als Annaliese Teetz 1955 als erste Deutsche ihr Kapitänspatent erhielt. Diese Pionierin wurde am 5. Juni 1910 in Hamburg geboren und entdeckte schon in ihrer Kindheit ihre Leidenschaft für das Wasser. Die Historikerin Christine Keitsch hat sich intensiv mit ihrer Biografie auseinandergesetzt und beleuchtet die Herausforderungen, die Frauen in der deutschen Seeschifffahrt ontmoeteten, und die deren Einflüsse bis heute spürbar sind, wie ndr.de berichtet.
Annaliese Teetz wuchs in einer Zeit auf, in der Frauen in der Seefahrt kaum akzeptiert waren. Dies hinderte sie jedoch nicht daran, 1929 im Hamburger Hafen nach einer Ausbildung zu suchen. Der Widerstand, den sie erlebte, war enorm, weshalb sie zunächst eine Lehrerinnenausbildung absolvierte. Trotz dieser Verpflichtung blieb ihr Traum, zur See zu fahren, ungebrochen. 1931 segelte sie in Männerkleidung auf Fischdampfern mit, um Erfahrung zu sammeln. Über die Jahre erreichte sie viele Meilensteine, darunter das Steuermannspatent für die Große Fahrt, das sie 1943 erwarb, nachdem Adolf Hitler eine Ausnahmegenehmigung unterzeichnet hatte.
Ein Vorbild für die nächste Generation
Teetz nahm 1952 als Lehrerin Abschied von ihrem Job, um ausschließlich auf Küstenmotorschiffen zu arbeiten. Ihr Schritt, 1955 das Kapitänspatent zu erlangen, war nicht nur personalhistorisch, sondern auch gesellschaftlich prägend. Sie setzte sich zeitlebens für Gleichberechtigung und Frauenrechte in der Schifffahrt ein. Ihr Einfluss zeigt sich auch in literarischer Form durch den Roman „Frau Kapitän“ von Maren Franz, der von ihrem Leben inspiriert ist. Teetz verstarb am 5. April 1992 bei einer Paddeltour auf der Elbe, ihre Geschichte jedoch bleibt lebendig.
Heutzutage gibt es immer mehr Frauen, die den Schritt in die Schifffahrt wagen, obwohl sie nach wie vor unterrepräsentiert sind. Ein Beispiel ist die 27-jährige Selina Schwarz, die sich derzeit zur nautischen Offiziersassistentin bei Hapag Lloyd ausbilden lässt. Ihre Erfahrungen an Bord stärken ihren Wunsch, eines Tages Kapitänin zu werden. Wie zdf.de berichtet, hat sich der Frauenanteil in der deutschen Schifffahrt im vergangenen Jahr um 1,3 Prozent auf 7,1 Prozent erhöht.
Herausforderungen für Frauen an Bord
Selina Schwarz und ihre Mitazubis müssen sich in einem traditionell männlich geprägten Umfeld beweisen. Im Ausbildungslehrgang sind von 14 Azubis fünf Frauen, und insgesamt sind 22 Prozent der Belegschaft weiblich. An Bord stehen Frauen mittlerweile an verschiedenen Positionen, sei es als Kapitänin, nautische oder technische Offizierin oder Schiffsmechanikerin. Allerdings müssen sie auch Herausforderungen wie enge Schlafkabinen und traditionelle Rollenverständnisse überwinden, die immer noch verbreitet sind. Schwarz und ihr Freund, ebenfalls Seefahrer, haben bereits besprochen, dass er an Land bleiben würde, falls sie eine Familie gründen.
In einem Forschungsprojekt wird der Platz von Frauen auf neuzeitlichen Segelschiffen näher untersucht. Dabei wird die Interaktion zwischen Frauen und der Besatzung thematisiert sowie deren Beitrag zur Bordgemeinschaft. Die Analysen zeigen, dass der Aufenthalt von Frauen in einem als männlich wahrgenommenen Raum oft Konflikte um Zugänglichkeit und erlaubte Tätigkeiten mit sich brachte. Solche Einblicke sind für das Verständnis der Geschlechterrollen in maritimen Berufen entscheidend und führen zu einer Neubewertung der maritime Geschichte, wie maxweberstiftung.de aufzeigt.
Teetz‘ Erbe lebt weiter und inspiriert immer mehr Frauen, ihren Platz in der Schifffahrt zu finden und sich den Herausforderungen der See zu stellen. Ihre Geschichte ist nicht nur eine Erinnerung, sondern ein Ansporn für die zukünftigen Generationen.