In Deutschland leben über 1,8 Millionen Menschen mit Demenz, darunter fast 40.000 in Mecklenburg-Vorpommern. Um diesen Menschen die Lebensqualität zu verbessern, setzt ein Forschungsprojekt an der Universität Greifswald auf die Kraft der Musik. Singen ist nicht nur eine schöne Beschäftigung, sondern kann demnach auch eine therapeutische Wirkung entfalten. Laut NDR zeigen Studien, dass das gemeinsame Musizieren unter dem Dach der Seniorenheime positive Effekte auf Demenzpatienten hat.

Der Chor im Seniorenheim am botanischen Garten in Greifswald ist ein lebendiges Beispiel für diese Forschung. Jeden zweiten Freitag leitet die Gesangspädagogin Lea Martensmeier die Proben, bei denen 30 bis 50 Bewohner, meist mit Demenz, fröhlich zusammen singen. Das Repertoire umfasst Schlager und Volkslieder – Lieder, die Erinnerungen wecken und ganz besondere Momente schaffen können. Eine der Teilnehmerinnen, die zuvor abwesend war, begann durch ein einfaches Volkslied plötzlich wieder aktiv mitzusingen. Solche Erlebnisse sprechen Bände über die transformative Kraft von Musik.

Musik als Schlüssel zu Erinnerungen

Was kann Musik nicht alles bewirken? Sie hilft nicht nur Demenzpatienten dabei, ihre Erinnerungen aufrechtzuerhalten, sondern stärkt auch das Selbstbewusstsein. Pflegekräfte in dem Projekt berichten von messbaren positiven Effekten der Gesangsstunden auf die Stimmung der Bewohner. Dr. Katharina Lex, die das Forschungsprojekt leitet, untersucht nicht nur die Auswirkungen auf die Patienten, sondern auch auf das Pflegepersonal, was in der bisherigen Forschung noch nicht ausreichend behandelt wurde. Diese Erkenntnisse könnten letztlich dazu beitragen, den Pflegeberuf attraktiver zu gestalten, was eine dringend nötige Entwicklung in der Berufswelt ist, die unter Druck steht.

Musiktherapie als Behandlungsansatz hat auch in anderen Kontexten große Bedeutung. Wie die Tagesschau berichtet, können langjähriges Musizieren und die gezielte Anwendung von Musiktherapie den Verlauf von Demenzerkrankungen positiv beeinflussen. Eine neue Studie belegt, dass alte Musiker tendenziell effizientere neuronale Verarbeitungsmuster als Nicht-Musiker aufweisen, was auf eine Art kognitive Reserve hindeutet, die durch jahrzehntelanges Musizieren entstanden ist. Die emotionale Reaktion auf Musik kann nicht nur Erinnerungen an die eigene Kindheit wecken, sondern auch die Kommunikationsfähigkeit fördern und sogar die Lebensqualität pflegender Angehöriger steigern.

Die gegenwärtige Forschung und Herausforderungen

Ein Blick in die Zukunft der Musiktherapie zeigt jedoch, dass Deutschland in der strukturellen und finanziellen Umsetzung von Kreativtherapien noch hinterherhinkt. Der Bedarf an musiktherapeutischen Angeboten ist in Deutschland keineswegs gedeckt, obwohl immer mehr Erkenntnisse, wie von einem niederländischen Cochrane-Team festgestellt, zeigen, dass Musiktherapie kurzfristige Verbesserungen bei der Niedergeschlagenheit von Demenzkranken fördern kann. Dennoch bleiben Langzeitwirkungen und mögliche unerwünschte Nebeneffekte in der Forschung weitgehend unerforscht. Wie aus der Apotheken Umschau hervorgeht, verbessert Musiktherapie wahrscheinlich die soziale Interaktion, jedoch gibt es auch Berichte über negative Gruppenerscheinungen.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Melodien des Lebens wirken Wunder, insbesondere bei Menschen mit Demenz. Das Greifswalder Projekt ist ein hervorragendes Beispiel für den Potential dieser Therapieform, doch wir müssen noch weiter forschen, um ihre volle Wirkung zu entfalten und in der Gesundheitsversorgung gangbar zu machen. Wer jetzt noch zweifelt, sollte sich einmal in ein Seniorenheim begeben und den Klang der Hoffnung selbst hören.