Kritik am Begriff Clankriminalität: Stigmatisierung oder Realität?

Kritik am Begriff Clankriminalität: Stigmatisierung oder Realität?
In letzter Zeit ist das Thema Clankriminalität in Niedersachsen wieder ins Rampenlicht gerückt. Die Polizei berichtet regelmäßig über laufende Ermittlungen zu dieser Art von Kriminalität. Ein besonders kritischer Punkt ist die Definition des niedersächsischen Innenministeriums, welche Clans als durch familiäre Bindungen und gemeinsame ethnische Herkunft verbundene kriminelle Gruppen definiert. Diese Einteilung sorgt für reichlich Diskussion und ist nicht unumstritten. Thomas Müller, ein Ermittler der Polizei Bremen, äußerte Bedenken, dass der Begriff Clankriminalität zu einer verallgemeinernden Schablone verkommt. „Menschen werden als Einheit definiert aufgrund von Familienstruktur und Nachnamen“, so Müller. Das wirft Fragen auf, denn sind wirklich alle mit dem Nachnamen Müller potenziell kriminell?
Die Kritiker der aktuellen Begrifflichkeiten empfehlen stattdessen die Verwendung von Begriffen wie „organisierte Kriminalität“ oder „kriminelle Banden“, um die Vielfalt krimineller Aktivitäten besser abzubilden und stereotype Ansichten abzubauen. Laut dem Deutschlandfunk ist die Clankriminalität in Deutschland stark verbreitet, besonders in den Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Berlin und Niedersachsen. Neben Massenschlägereien und Juwelendiebstählen sind auch spektakuläre Raubüberfälle auf Goldmünzen ein Teil dieses Phänomens.
Die Dimension der Clankriminalität
In Nordrhein-Westfalen hat die Polizei in den letzten Jahren systematisch gegen Clankriminalität ermittelt. Innenminister Herbert Reul betont, dass die gesellschaftliche Ordnung durch diese Kriminalitätsform bedroht wird. Im Jahr 2023 wurden dort etwa 7.000 Straftaten, die Clans zugeordnet werden konnten, dokumentiert – ein Anstieg von knapp 7% im Vergleich zum Vorjahr. In Berlin gab es 1.063 zugeordnete Straftaten, was etwa 0,2% aller erfassten Straftaten ausmacht. Der Reiz, die Thematik über Schlagzeilen zu diskutieren, ist enorm, jedoch wird kritisiert, dass diese Berichterstattung häufig zu rassistischen Stereotypen führt. Clans werden oft mit Großfamilien arabischer, türkischer oder kurdischer Herkunft assoziiert – hier ist ein Beispiel der Remmo-Clan, der aus der Provinz Mardin in der Türkei stammt und als staatenloser Flüchtling nach Deutschland kam.
Wie zahlreiche Studien, die auch in der zeitgenössischen Forschung zu finden sind, zeigen, sind nur etwa 35.000 bis 50.000 Personen aus diesen Familien kriminell. Ein Großteil der Angehörigen führt ein legales Leben. Der BKA beschreibt Clans als informelle soziale Organisationen mit einer hierarchischen Struktur und eigenen Normen, die über das deutsche Rechtssystem hinausgehen. Klare Grenzen zwischen Clan zu ziehen und festzustellen, welche Mitglieder tatsächlich straffällig werden, gestaltet sich als äußerst schwierig.
Kritik an der Begrifflichkeit und Stigmatisierung
Während das niedersächsische Innenministerium darauf besteht, dass die Begriffe angemessen sind, fordern zahlreiche Kritiker eine Überarbeitung des gesamten Ansatzes. Auch das Konzept der „Clan-Merker“ in Niedersachsen führt zu willkürlichen Zuordnungen und einer Stigmatisierung von Personen, was sich negativ auf Chancen im Wohnungs- oder Ausbildungsbereich auswirken kann. Alternativen wie „Bandenkriminalität“ oder „Netzwerkkriminalität“ werden als sinnvoller erachtet.
Das Thema Clankriminalität bleibt daher angesichts der unterschiedlichen Perspektiven auf die Szenerie sehr komplex. Der Spagat zwischen notwendiger Sicherheitspolitik und dem Schutz von Individuen vor unsachgemäßer Kriminalisierung ist eine Herausforderung, der sich die Politik in Zukunft stellen muss. Die Ermittlungsbehörden arbeiten mit Hochdruck weiter, um der Clankriminalität Einhalt zu gebieten, während gleichzeitig daran erinnert werden muss, dass eine differenzierte Betrachtung der Erscheinungsformen wichtiger ist als pauschale Urteile.
Lesen Sie mehr über die aktuelle Diskussion zur Clankriminalität im NDR und den detaillierten Kontext auf Academia.